unterwegs erlebt

15. Juli 2008

Trauer und Wut

Filed under: Israel 2008 — heplev @ 10:04
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Da ist man vor Ort, aber weil man die Sprache nicht spricht (und liest schon mal gar nicht), ist man doch nicht so informiert wie sonst (Internet-Zugang war bisher nicht). Also kaufte ich mir heute eine Jerusalem Post, um ein wenig von der Welt mitzukriegen – und der halbe erste Teil beschäftigt sich ausschließlich mit einem Jerusalemer Araber, der gestern einfach mal mit einem großen Radlader aus einer Baustelle fuhr, Autos überrollte und zwei Busse umwarf. Bilanz: drei Tote, 55 Verletzte. Der Terror-Fahrer erschossen von Kugeln, die ihm ein Soldat auf Ausgaung und ein Polizist verpassten.

Damit war der Tag für mich gelaufen. Er hatte schon nicht toll angefangen: Der Besuch des Abraham-Brunnens (der laut Beer7 ohnehin nicht lohnt), fiel ins Wasser, weil um halb zehn noch zu war. Auf der verfallenden Infotafel war auch nicht abzulesen, wann aufgemacht wurde. Okay, zu Fuß weiter zum Bahnhof, mal sehen, wie die Züge fahren. Am Busbahnhof die Jerusalem Post gekauft und die Hauptschlagzeile gelesen. Später an einer Mall hingesetzt, etwas getrunken und angefangen zu lesen. Wut und Tränen konnte ich kaum unterdrücken. Also machte ich mich wieder auf, kaufte noch etwas Getränke und Obst ein und fuhr zurück nach Beit Yatziv. Da saß ich dann und las das ganze Elend durch – und schrieb mir diesen Text von der Seele, dazu zwei Übersetzungen aus dem Kommentarbereich der Zeitung.

Die eine Tote ist eine Blindenlehrerin Mitte 50 mit drei (erwachsenen) Kindern, die gerade eine schwere Krankheit hinter sich gebracht hatte. Die zweite eine Kindergärtnerin, 33 Jahre alt, die Jahre lang versuchte ein Kind zu bekommen, vor 6 Monaten nach intensiver Hormonbehandlung endlich entbinden konnte. Ein ZAKA-Mitarbeiter schaffte es gerade noch, das Baby aus dem Kombi der Frau zu holen (sie scheint dabei geholfen zu haben), bevor der Radlader den Wagen mitsamt der Frau einfach platt machte. Der dritte Tote ist ein älterer Herr, dessen Identität bei Redaktionsschluss noch nicht frei gegeben war.

Und während ich so die ganzen furchtbaren Sachen durchlese und dann in die Kommentare und Analysen übergehe, kommen mir die Tränen – Tränen der Trauer und Tränen der Wut. Dieser Typ, der da willentlich (als Einwohner „Ostjerusalems“ mit dem israelischen Pass in der Hand) gezielt Schäden anrichten, Juden Schaden zufügen und sie ermorden wollte, wird „natürlich“ seitens seiner Familie als toller Hecht beschrieben, der nie jemandem etwas zuleide tun könnte und schon gar nichts gegen Juden hatte; Beweis: Er sei lange mit einer Jüdin zusammen gewesen. Bull… Das wäre eher ein Auslöser für Judenfeindschaft, weil der Idiot es nicht verkraftet hat, dass die Frau sich von ihm getrennt hat.
Abgesehen davon war der Typ ein Krimineller mit einer Drogen- und Gewaltakte bei der Polizei. Gerade die Drogendelikte wären ein schöner Hebel für die Terroristen, den Typ unter Druck zu setzen, wie er denn sterben wolle – durch die Hand der islamistischen Gerechtigkeit oder als Schahid?

Wie auch immer, es bleibt die Tatsache, dass der Kerl in seiner Kabine „Allahu akbar“ krakeelte und Gas gab, als der Soldat außer Dienst erfolglos auf ihn einzudreschen versuchte. Erst daraufhin zog der junge Mann die Waffe eines anderen Mannes und schoss dem Terroristen in den Kopf. Gleichzeitig stieg ein zum Ort bestellter Polizist von der anderen Seite auf das Baugerät und da die Schüsse den Mörder noch nicht ganz ausgeschaltet hatten, schoss auch er. Das Dreckstück ist tot.

Jetzt findet hier die gesamte leidige Diskussion wieder statt, die in er veröffentlichten Meinung und in der Politik bereits nach dem Massaker in der Merkaz Harav-Yeschiwa im Frühjahr losgetreten wurde und wieder „einschlief“: Was kann man gegen solche Typen machen? Wie kann man sie abschrecken? Sollte man das Haus der Familie des Mörders schleifen? In der Knesset wurde in erster Lesung ein Gesetzesvorschlag befürwortet, da solchen Leuten den israelischen Personalausweis wieder entzieht bzw. die israelische Staatsbürgerschaft wieder aberkennt (das wird die nächsten Lesungen vermutlich nicht überstehen – er wurde von einem Likud-Abgeordneten vorgelegt und die übrigen Parteien stimmten unter dem Einfluss des gerade Gehörten zu). Es wird geprüft, ob der Familie die Sozialleistungen des israelischen Staates aberkannt werden können.

Und natürlich findet eine Diskussion statt, was mit den gut 250.000 arabischen Einwohnern des vereinten Jerusalem gemacht werden soll. Immerhin ist das der „weiche Bauch“ – nirgendwo sonst können Terroristen rekrutiert werden und losschlagen, ohne dass die Sicherheitsdienste im Vorfeld etwas erfahren oder den Terroristen am Betreten israelischen Staatsgebiets hindern könnten: Er ist schon da, hat einen israelischen Ausweis und kann sogar ungehindert in die „Westbank“ und wieder heraus. Prinzipiell sollen die Jerusalemer Araber nicht diskriminiert, sondern wie ganz normale israelische Staatsbürger behandelt werden.

Die sehen das natürlich anders. Zumindest „offizielle Stimmen“ geben auch an diesem Mehrfachmord wieder Israel und Jerusalems Stadtverwaltung und politischer Spitze die Schuld: Wahrscheinlich sei der nur ausgerastet, weil ultraorthodoxe Jugendliche ihn vorher geärgert hätten. Es wird von „Druck“ auf die Araber im allgemeinen und die des Viertels, aus dem der Mörder stammt, im besonderen geredet. Es bestehe Ärger wegen des Abrisses illegal gebauter Häuser (komisch, den gibt’s immer dann, wenn israelische Behörden abreißen – die PA geht da frei aus…) und die Steuern seien auch furchtbar. Das alles sorge für böses Blut. (Hm, die Juden sollen Steuern zahlen und damit die Araber finanzieren – oder so?)

Was natürlich überhaupt nicht fehlen darf: Jetzt wird Israel noch mehr Druck auf die Araber ausüben und es wird alles noch schlimmer gemacht werden. Und außerdem hat Israel 40.000 Anträge auf die israelische Staatsbürgerschaft noch nicht positiv beantwortet.

Na, das sind alles Gründe, damit man Massenmord an Juden begeht! Klasse! Die leider typsche arabisch-muslimische Reaktion: Ihr habt zwar die Toten und einer von uns war’s, aber wir sind die Opfer!

Es gibt zwei Texte, die den Anschlag von gestern kommentieren, die sich lohnen zu übersetzen. Sie sind inzwischen oben verlinkt.

Und was macht die Welt noch so, in der Berichterstattung der JPost von heute? Noch ein kleiner Nachtrag zum Anschlag: Avi Dichter, Minister für innere Sicherheit, hat sich kräftig blamiert – statt sich zum Ort des Geschehens zu begeben, hat er einen davon völlig unabhängige politische Pressekonferenz gegeben. Jetzt werfen ihm Olmerts Kohorten vor, er habe seinen Job nicht gemacht, sondern Politik gespielt. Umgekehrt wirft Dichter Olmert et.al. vor, sie wollten auf Kosten der Opfer Politik machen und ihm ans Bein pinkeln.
Ofer Dekel, Israels „Chefunterhändler“ in Sachen entführte Soldaten, ist auf dem Weg nach Deutschland, um Gerhard Konrad zu treffen, der mit der Hisbollah über einen Gefangenenaustausch verhandelt. Hassan Nasrallah schwingt indes wieder sein Großmaul und verkündet „absolute Schlussfolgerungen“ zum Schicksal von Ron Arad, aber natürlich ohne irgendetwas von Substanz von sich zu geben. Die übliche Scheinheiligkeit also, bei der nicht fehlen darf, dass die „langen, harten und komplizierten“ Verhandlungen ein „neuer Sieg für den Libanon“ seien (womit er klar macht, dass der Libanon für ihn insgesamt Hisbollah-Land ist – auch nicht schlecht).
Dekel wird innerhalb der nächsten 10 Tage dann noch den nächsten Verhandlungsmarathon aufnehmen dürfen; die Ägypter sagen, er wird mit der Hamas über Gilad Shalit verhandeln.
Die Ägypter haben so ihre eigenen Probleme mit den Gaza-Palästinensern: Die haben versucht den Grenzübergang Rafah zu stürmen, als der geöffnet wurde, damit 150 Palästinenser wieder einreisen und eine Reihe Patienten für medizinische Behandlung nach Ägypten fahren können sollten. Sechs Grenzer trugen Verletzungen davon. Auf diese Weise werden die Hamastanis wohl nicht erreichen, dass es einmal einen normalen Grenzverkehr geben wird.
Dann wollen die Briten den „militärischen Arm der Hisbollah“ verbieten. Na toll! Nicht nur, dass das überfällig ist, aber die sonstige Hisbollah soll nicht verboten werden. Das ist ungefähr so, als hätte an die SS und die SA verboten, aber die HJ, den BDM und das Winterhilfswerk sowie die NSDAP für in Ordnung erklärt. Oder am anderen Ende die KP-Schlägertrupps verboten, aber die Partei selbst wegen ihrer guten Arbeit mit den Jungen Pionieren nicht. Wann begreift man in Europa endlich, dass sich die „humanitären, politischen und sozialen Aktivitäten“ der Terrorgruppe nicht von den „militärischen“ trennen lassen?

Die Universität Göttingen muss weiter schwer beraten, wie sie denn auf die antisemitischen Darstellungen von Arnd Krüger nicht nur zum Olmypia-Massaker von 1972, sondern auch der damit zusammenhängenden Ausfälle des Sportwissenschaftlers reagiert. Zum Treffen derer, die darüber beraten werden, sind keine Antisemitismus-Experten geladen, sondern Vertreter der Fakultäten Jura, Medizin und Landwirtschaft. „Wir Deutschen sind alle Antisemitismus-Experten“, hieß es von Uni-Sprecherin Dr. Marietta Fuhrmann-Koch. Da fragt sich nur, welcher Art? Wenn das so aussieht, wie die Presseerklärung der Universität, in der zwar Rassismus und Antisemitismus verurteilt werden, aber nicht ein einziges Wort zu Krüger gesagt wird, dann spricht das mal wieder Bände – grausige Bände und die Göttinger sollten sich nicht beklagen, wenn ihnen Toleranz der Krüger’schen Theorien vorgeworfen wird. Wenn man liest, was Krüger so von sich gegeben hat, dann kann man ihn nicht anders einstufen, als dass man ihm Antisemitisches vorwirft:
– die (ermordeten) Athleten hätten „den Opferstatus Israels stärken“ und damit dem jüdischen Staat ermöglichen wollen „ihren Tod als Instrument gegen die Palästinenser zu verwenden“ und „finanzielle Entschädigungen von Deutschland zu bekommen“. Außerdem hätte „Israel eine höhere Abtreibungsquote als andere Industriestaaten; der jüdische Staat unternehme alles, um ‚ein Leben mit Behinderungen’ zu verhindern“. Völlig zu recht fragt Ilan Mor von der israelischen Botschaft in Berlin, was Letzteres mit dem Anschlag des „Schwarzen September“ auf die israelischen Sportler zu tun habe und bewertet Krügers Aussagen als „schlimmste Form der Entmenschlichung des Staates Israel“.

Dem ist nichts hinzuzufügen – außer natürlich, dass Arnd Krüger das ganz anders sieht. Er hatte seine Thesen in einem Vortrag „Hebron und München: Wie vermitteln wir Sportgeschichte ohne in Antisemitismus gefangen zu werden?“ (unvollständige Rück-Übersetzung des ins Englische gebrachten Titels) veröffentlicht. Das ist ja toll gelungen, denn der Schwätzer hat genau das gemacht, was er angeblich nicht wollte. Seiner Meinung nach „hoffte er ein kulturhistorisches Phänomen zu erklären, nicht weil ich irgendjemanden damit diskreditieren wollte“. Wer soll ihm das abnehmen? Glaubt der Mann das wirklich selbst? Wie auch immer, Ilan Mors Einschätzung dazu kann nicht oft genug herausgestellt werden: Das ist die schlimmste Form der Entmenschlichung des Staates Israel!

(Alle Informationen aus der Printausgabe der Jerusalem Post vom 03.07.2008. S. 1 bis 10)

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