unterwegs erlebt

15. Juli 2008

Spirituelles

Jerusalem wird ja gerne als “Stadt der drei monotheistischen Religionen” bezeichnet. Das mit dem “monotheistisch” sehen die Muslime und so mancher Rabbi in Bezug auf die Christenheit allerdings etwas anders, aber was soll’s, dann nehmen wir das mal so. Ich habe ja auch meine Probleme damit, den muslimischen Anspruch auf Jerusalem zu akzeptieren.

Was die Christen angeht, so herrscht hier eifrige Konkurrenz. Viele Kirchen machen sich gegenseitig etwas streitig. Am Schlimmsten ist es in der Grabeskirche. Deshalb mache ich um die einen großen Bogen (man kann sich ja mal verlaufen…!).

So, wie es in Bethlehem ein katholisches, ein orthodoxes und ein protestantisches Hirtenfeld gibt, auf dem die Engel die Geburt Jesu verkündet haben sollen, hat Jerusalem eine ‘”Konkurrenz” zur Grabeskirche zu bieten. DIese englische Konkurrenz ist das “Gartengrab“, das nördlich der Altstadt, etwa 400m vom Damaskustor entfernt zu finden ist. Besonders am “frühen” Morgen, so zwischen 9 und 11 Uhr kann man dort wunderbar sitzen, entspannen, nachdenken, “meditieren” und beten, weil noch kaum eine Touristen-/Pilgergruppe um diese Zeit dort auftaucht. Zwar ist von allen Seiten der Verkehrslärm der Umgebung zu hören, aber er stört nicht sonderlich.

Da mich die Altstadt immer noch ein klein wenig schreckte, bin ich durch’s Jaffa-Tor getigert und im Schatten der Stadtmauer Richtung Neues Tor gelaufen. Von fort aus ging es in der Sonne weiter zum Damaskustor; aber der Sonnenschein wurde immer wieder angenehm vom Schatten von Bäumen unterbrochen; es rückt – besonders im Westen – immer mehr Neubau an die Mauern heran, aber vor allem im Bereich zwischen Neuem und Damaskus-Tor wird ein ca. 40-50m breiter Grünstreifen aus Rasen und Bäumen mit kleinen “Inseln” zum Hinsetzen und Verweilen und dazu der breite Fußweg gehegt und gepflegt.

Im Gelände des Gartengrabes gibt es auch viele Möglichkeiten sich niederzulassen. Die habe ich gerne genutzt und meine Gedanken schweifen lassen. Einige habe ich aufgeschrieben, aber die sind nichts für den Blog. Immerhin bin ich fast zwei Stunden dort geblieben. Es ist ein wunderbare Atmosphäre, alle Hektik kann man abfallen lassen. (Gut, Hektik habe ich in den Tagen hier ohnehin nicht ansatzweise aufkommen lassen.) Und selbst die Insekten scheinen einen dem Frieden zu gönnen: Es gab an einer Stelle haufenweise Gesumme, aber nicht ein einziges Viech ist mir nahe gekommen.

Der Souvenirshop durfte mal wieder nicht ausgelassen werden. Aber ich bin ja inzwischen anspruchsvoll, der übliche Kram kommt mir schon mal gar nicht in die Tüte. Allerdings hatten sie hier – außer einem Stadtplan, den ich sofort griff – hübsche Postkarten und Briefmotive des Gartengrabes. Eines habe ich eingesteckt. Und dann bin ich noch über ein Jerusalem-Panorama gestolpert, das etwas ungewöhnlich ist, denn handelt sich um ein Luftbild aus dem Süden, vom Zions-Tor aus aufgenommen. Sonst blickt man immer von Osten, also vom Ölberg (oder aus dem Himmel darüber) auf die Altstadt. Auf meinem ist auch der ZIonsberg im Vordergrund noch deutlich dabei. Und man kann eine ganze Menge mehr erkennen als auf den üblichen Panoramen, die das Tempelberg-Plateau sehr kräftig in den Blick rücken und sonst eher wenig sehen lassen. Ein prima Kauf.

Den Weg zurück wollte ich allerdings doch durch die Altstadt nehmen. Dazu konsultierte ich dann erst einmal meinen nagelneuen Stadtplan (auf dem sogar die Bahnlinie schon bis zur zukünftigen Endstation eingetragen ist, die es noch gar nicht gibt – oder umgekehrt? Ist sie eingezeichnet, bis wo sie einmal verlief?) und konnte mir so die ungefähre Route überlegen, die ich zurück zum Gästehaus nehmen musste. Das hat erstaunlich gut geklappt; vielleicht lag es auch daran, dass ich einen Abzweig der “Hauptstraße” nehmen musste, der quasi auf der Grenze zwischen muslimischem und christlichem Viertel lag. Hier war einfach weniger los, als wenn ich geradeaus gegangen wäre.

Nach einem falschen Abstecher rechts hoch (schnell gemerkt und korrigiert) kam ein Stück weiter der richtige, der mich an die Erlöserkirche brachte. Die wollte ich mir schon noch von innen ansehen. Es herrschte – na ja, Ruhe kann man nicht sagen, denn der Kantor übte auf der Orgel ein paar sehr eigenwillig unrhythmische Stücke, die nicht gerade für feierliche Stimmung oder so etwas sorgten. Aber alles geht einmal vorbei, auch eine solche Übungseinheit. Weiter vorne ließ sich einen Nonne nieder. Interessant, in einer evangelischen Kirche; schließlich haben die Katholen auch ihre eigenen Kirchen und Kapellen und das nicht zu knapp.

Dass die evangelisch-katholische Ökumene hier offenbar funktioniert, konnte man aber auch an einer anderen Frau erkennen, die irgendwann vorne aufstand, aus der Sitzreihe trat, kurz das Knie beugte und sich bekreuzigte – also ebenfalls katholisch war – bevor sie die Kirche wieder verließ. Sie hatte eine ganze Weile dort gesessen und offenbar gebetet. Es ist doch immer wieder erfreulich zu erleben, dass es nicht nur gegeneinander geht. Aber das waren beides keine offiziellen Vertreter ihrer Kirchen und zudem waren sie bei den Evangelen rein, die in der Grabeskirche keine Konkurrenz sind. Egal, es war einfach schön zu sehen, dass sich manche auch die Kirche einer anderen Denomination nutzen, ohne dass es jemand anderen stört. Entscheidend ist die Ruhe und dass man ohne Stress die Nähe zu Gott suchen kann. Wofür mir allerdings eigentlich das Gartengrab viel lieber ist. Doch so viel Zeit und Weg hat ja auch nicht jeder. Und am Abend reicht dann auch mal der Garten des Gästehauses…

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