unterwegs erlebt

15. Juli 2008

Labyrinthe

Filed under: Israel 2008 — heplev @ 9:58
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Die Altstadt von Jerusalem ist eigentlich nicht groß. Aber das macht sie so unberechenbar, wenn man sich nicht ausgekennt. Den Weg zum Lutherischen Gästehaus zu finden, war eigentlich nicht schwer – wenn man denn den Abzweig nicht verpasst, der so unauffällig in der Gegend herumliegt, dass man ihn nicht als “Straße” erkennt.

Das war dann allerdings noch die leichteste Übung. Der nette Herr an der Rezeption beantwortete mir die Frage nach dem besten Weg zum Cardo (keine Ahnung, warum in deutschen Internetangeboten die moderne Ladenzeile meist nicht und wenn, dann nur ganz am Rande erwähnt wird…): Raus, links, nächste rechts, dann die erste Gelegenheit links die Stufen runter, schon ist man da. Einfach, oder? Aber dann bitte auch wieder zurück! Wo genau war jetzt die letzte Treppe? Ist das jetzt die Richtung, aus der ich kam oder nicht? Wie lange bin ich nach “rechts” gelaufen, bis die Stufen kamen? Dabei habe ich mich mehrfach vertan. Aber ich sage nie wieder etwas gegen Penner, einer hat mir gesagt, dass ich an der richtigen Ecke bin und abbiegen kann – und schon war ich wieder an der Tür vom Gästehaus vorbeigelaufen!

Am zweiten Morgen stellte ich meine Frage an der Rezeption anders (war aber auch ein andere Angestellter da): Wie ist der einfachste Weg zum Zionstor? Erst stutzte er einen Moment, dann die Gegenfrage: Damit du dich nicht verläufst? Genau! Wo genau willst du hin? Mount Zion.
Okay: Zum Jaffator – weiß du, wie du da hin kommst? – Ja. – Erzähl.
Ich mach’s, er ist zufrieden. Dann geht’s weiter: vor dem Jaffator zur Polizeistation hoch und dann immer der Straße nach.

Das ist wirklich einfach. Und von vor vier Jahren weiß ich auch noch, wie ich von da aus bis zur Westmauer des Tempelbergs komme. Das ist kein Problem.

Auf der Straße durch das Armenische Viertel (praktisch innen entlang der Stadtmauer, abgesehen von einigen Grundstücken des armenischen Patriarchats, die hin und wieder noch dazwischen liegen) herrscht ein Verkehr, den man sich nicht vorstellen kann. Hupen, drängeln, bremsen ohne Ende – und dabei fahren doch alle in dieselbe Richtung – und wenn es vorne irgendwo hakt, dann hilft selbst die lauteste Hupe nichts!

Der Zionsberg beherbergt die Dormitionskirche, wo Maria nach dem Tod und der Auferstehung Jesu gelebt haben und gestorben sein soll. Steht da an der Kirche als Erklärung, obwohl sie katholisch ist und nach katholischer Lehre Maria doch in den Himmel aufgefahren sein soll. Hm, Widersprüche gibt’s… Ich habe die zwei Mönche im Souvenirladen jetzt nicht darauf angesprochen, die erholten sich gerade von einer italienischen Kundin.

Um die Ecke ist das Davidsgrab. Also, das traditionelle Grab von König David aus der Bibel. Wo der Eingang ist, sollte man aber auch wenigstens ahnen, sonst geht man falsch. Die Dormitionskirche ist zwar wegen ihrer Größe das beherrschende Gebäude hier, aber ansonsten ist das Viertel jüdisch belegt. Neben dem Davidsgrab gibt es eine Reihe Torahschulen und ein kleines Museum von und für Holocaust-Überlebende, die hier Tafeln für ihre vernichteten europäischen Gemeinden aufgehängt haben, fast 2.000 Stück; dazu gibt es einige Ausstellungsstücke wie zerstörte Torah-Rollen, im KZ heimlich hergestellte Gebetsbücher, Kleidung und im Gedenken angefertigte Gemälde. Das berührt – etwas anders als Yad Vashem, aber auch eindrucksvoll.

Zurück zum Davidsgrab. Das ist ein nicht ganz kleiner Komplex, in dem man “fünfmal überall herumlaufenkann, ohne an einer Stelle mehr als zweimal vorbeizukommen” und wieder neue Treppen, Aufgänge und Abgänge zu erklimmt, die man noch nicht benutzt hatte. Vor vier Jahren bin ich schon einmal hier gewesen, mit einer 44-köpfigen Reisegruppe. Seitdem hat sich hier etwas verändert. Wir konnten damals als ganze Gruppe durch den Raum mit dem “Sarg” gehen, obwohl dieser und der Bereich drumherum auch schon als Synagoge (auch zum Thora-Studium) genutzt wurden. Heute gibt es eine Trennung, damit Frauen und Männer dort beten können. Diese Trennung betrifft auch den Raum, in dem der abgedeckte Sarkophag steht. Glück gehabt, kann ich da nur sagen, vor vier Jahren haben wir Fotos des kompletten Teils machen können, das geht jetzt nicht mehr.

Im selben Komplex gibt es den traditionellen Raum des letzten Abendmahls. Der ist zwar mehrfach in Trümmern gewesen und wieder aufgebaut worden, so dass heute kleine Teile aus vielleicht byzantinischer Zeit und solche von den Kreuzfahrern zu erkennen sind, aber der Glaube zählt in diesem Fall anscheinend mehr als Fakten.

Ein alter Jude, der mir eine Spende abgeschwatzt hatte, schickte mich noch auf’s Dach. Da sollte es ein schönes Panorama Jerusalems zu fotografieren geben. Na ja, das war nicht so wirklich doll, aber einer amerikanischen Reisegruppe konnte ich zuhören und da gab es etwas Interessantes. Hier befindet sich ein winziger Raum, eine Art Hütte, die auf Betreiben des ersten israelischen Präsidenten, Chaim Weizmann, gebaut wurde. 1948 hatten die Israelis die Altstadt an die Arabische Legion des jordanischen Königs Abdallah verloren. Aber sie saßen hier auf dem Zionsberg. Und Weizmann ließ diesen Raum als – würden wir heute sagen – Andachtsraum bauen, um hier spirituell auftanken zu können – mit Blick auf den Tempelberg und einer Ahnung von der “Klagemauer”.

Zu der sollte es als nächstes gehen. Meine “Ortskenntnisse” von vor vier Jahren ließen mich allerdings etwas im Stich, denn damals müssen wir anders gelaufen sein als ich heute. Natürlich war es einfach, der Straße weiter zu folgen, bis ich am Dungtor ankam und dort die Sicherheitsschleuse passierte. Allerdings wäre der Weg zurück recht mühsam gewesen: die Straße wieder (steil) hoch, in der prallen Sonne, das war nicht so das, was ich mir vorgestellt hatte. Nach ausgiebigem Umsehen vor der Tempelmauer und einem Gebetszettelchen für einen Freund, das ich in eine Ritze steckte, traute ich mir dann zu anders wieder “hinauf” zu kommen. Wenn man vom Tempelinstitut mit der riesigen Menora durch das jüdische Viertel geht und dabei das armenische quasi links (wörtlich) liegen ließ, ohne nach rechts abzudriften, dann müsste das doch auch funktionieren.

Und wie das funktionierte! Innerhalb kurzer Zeit kam der Neubau der Hurva-Synagoge in Sicht und ich hatte mich sogar noch vertan; denn nicht von der “gegenüberliegenden” Seite wie gestern kam ich an, sondern sozusagen von “rechts”. Jetzt wusste ich wieder, wo ich war und wie ich weiter kam. Und sollte ich in diesen Tagen noch einmal zur Mauer runter wollen, dann habe ich einen sehr kurzen Weg, den ich gehen kann. Das Labyrinth wird gangbarer.

Interessant ist aber auch, wie großzügig offen viele Teil der Altstadt auch sind. Die Vorstellung beherrschen bei vielen die überbauten engen Straßen der Souks, in denen sich die Menschen drängen. Diese öffnen sich aber immer wieder auf offene, breitere Wege und Plätze. Der Übergang ist oft so plötzlich, dass man ganz überrascht auf einmal im Freien steht, das Gedränge vorbei ist und der Tourist aufatmet. Dann gibt es Raum genug für Straßencafes und sogar großzügige Denkmäler.

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