unterwegs erlebt

13. Juli 2008

Abschiede

Filed under: Israel 2008 — heplev @ 7:54

Der letzte Tag einer Reise kann lang werden. Vor allem, wenn der Flug zurück nach Hause erst nach Mitternacht abgeht, man aber morgens schon aus der Unterkunft auschecken muss. Zum Standard gehört inzwischen eigentlich, dass man das Gepäck dort unterstellen, bis man wirklich abreist. Ist ja schonmal gut. Also erfolgt der erste Abschied heute erst einmal nur von meinem Zimmer. Noch ein gründlicher Blick – alles eingepackt, es kann los gehen.

Quer durch die Altstadt und das Damaskus-Tor ging es noch einmal an meinen Jerusalemer Lieblingsort, das Gartengrab. Etwa eineinhalb Stunden habe ich mir gegeben, um mich noch einmal dort umzusehen, die Ruhe zu genießen und zu hören, was im Garten selbst so los war. Heute gab es doch einige Gruppen, die sich die Anlage und ihre Geschichte erklären ließen und dann ihre kleinen Feiern abhielten. Es waren englische und spanische Lieder zu hören und direkt „nebenan“ hielt eine Gruppe Norwegerinnen Abendmahl. Tschüß, Gartengrab.

Gegen Mittag war ich zurück im Lutherischen Gästehaus. Nissan hatte angerufen und wir machten aus, dass noch einmal zu ihm komme; gegen 12 Uhr wollte ich losziehen, mit dem Bus nach Modi’in fahren und sollte mich dann an der Bushaltestelle abholen, wo wir uns letztes Jahr verabschiedet hatten. Der Rezeptionist versucht mir die Busverbindung herauszusuchen, findet aber keine. Also werde ich mal sehen, was die Information am Busbahnhof hergibt. Im Prinzip war zwar klar, wo der Bus abfahren müsste, aber dass es keinen Fahrplan im Internet gibt, verwunderte schon. Gut, es geht los. Auf Wiedersehen, Lutherisches Gästehaus.

Am Jaffa-Tor versuchte eifrige Taxifahrer mit zum Einsteigen zu bewegen. Denkste, nicht noch einmal, liebe Geier! (Tschö, Altstadt.) Statt dessen laufe ich die Straße hinab, überquere die Kreuzung und sehe noch den Bus der Linie 20 in der „Ferne“ davon ziehen. Gut, dann eben auf den nächsten warten. Kurz darauf stand ein orthodoxer Mann neben mir, das Jackett über dem Arm, und sprach mich auf Hebräisch an. Auf meine Reaktion hin wechselte er ins Englische – ob ich auch zum zentralen Busbahnhof wollte. Wir könnten uns gemeinsam ein Taxi nehmen, das wären ca. 10 Schekel pro Nase. Das ist ein guter Vorschlag. Also ein Taxi gestoppt und los – und sofort wieder angehalten, weil einer in zweiter Reihe parkte und davor ein weiteres Hindernis für Stau sorgte. Nach ca. fünf Minuten ging es zügig weiter – bis zum Einbiegen in die Jaffa Street. Ab hier geht fast nichts mehr. Durch die Straßenbahn-Baustelle, von der aus letzte Woche der Baggerfahrer seine Mordtour begann, ist die Straße völlig verstopft. Hinten klang der Mann etwas verzweifelt; normalerweise sei er mit dem Fahrrad unterwegs, jetzt wisse er wieder wieso. Nach einer unendlich langen stop-and-go-Fahrt hielten wir kurz vor dem Busbahnhof. Mein Mitfahrer bezahlte das Taxi und sagte mir, ich solle ihm nur geben, was ich für richtig hielte. Er konnte ja nichts dafür, dass es so teuer geworden war, also gab ich ihm die Hälfte des Fahrpreises.

Nach ein paar Metern dann eine Szene zum Aufstöhnen: Vor dem Busbahnhof gab es riesige Schlagen. Bis ich da durch die Sicherheitskontrollen war, das musste dauern! Na ja, es ging. Drinnen dann der nächste Schock: Die Information gab es nicht mehr. Na Klasse! Wieder raus, der Bus nach Modi’in ging letztes Jahr von der anderen Seite der Straße ab. Der Abschied vom Busbahnhof war nicht gerade erfreulich!

Auf der anderen Straßenseite stand Bus 110 noch da, aber der Fahrer machte gerade Anstalten abzufahren. Ein kurzes Winken und er öffnete die Tür noch einmal. „Modi’in?“ Ein Nicken, der Kofferraum ging schon auf und nach Bezahlung des Fahrpreises war ich unterwegs. Tschüß, Jerusalem!

Die Fahrt nach Modi’in dauerte ungefähr eine Dreiviertelstunde. Die letzten zehn Minuten sorgten allerdings für etwas Unruhe bei mir: Die Stadt wächst, es wird ständig gebaut und nichts sah mehr so aus wie noch im letzten Jahr. An einer Stelle meinte ich etwas wiederzuerkennen und stieg an der nächsten Haltestelle aus. Aber Pustekuchen, war nichts Bekanntes vorhanden. Am Handy konnte ich Nissan noch einen Hinweis geben, wo ich mich befinden könnte, denn es gab einen Fußweg nach „Yad Sarah“, das offenbar eine Synagoge war. Mann, hätte ich seine Wohnadresse im Kopf oder irgendwo aufgeschrieben, dann hätte ich einfach ein Taxi angehalten. Aber Nissan meinte zu wissen, wo ich war. Gut zehn Minuten später saß ich bei ihm im Auto und keine weitere fünf Minuten darauf waren wir bei ihm Zuhause. Jetzt kenne ich Straße und Hausnummer!

Den ganzen Nachmittag über haben wir uns prima unterhalten, über alles Mögliche, Gott und die Welt, das Verhältnis zwischen Juden und Evangelikalen und damit verbunden Berührungsängsten und Chancen, interessante Bücher, das Verhältnis von Bibel und Wissenschaften und Persönliches. Nissan gibt mir ein Buch mit, das er sehr gut findet – nächstes Mal soll ich es zurückgeben. Gegen sechs brachen wir gemeinsam auf und er zeigte mir ein wenig von der Umgebung. Zuerst fuhren wir hinauf zum Wasserturm – nicht wegen des riesigen Tanks dort, sondern weil es auf diesem „Hügel“ antike Funde gab, die zum Teil noch aus der Zeit des ersten Tempels stammen dürften. „Ergänzt“ wird das von den Resten einer byzantinischen Festung, von denen aus man einen unglaublich guten Überblick über die gesamte Umgebung hat. Nach der Rückkehr zum Auto fahren wir noch an einen hübschen Ausflugsort. Besser gesagt, handelt es ich um einen weiteren Hügel in einem nach Modi’in eingemeindeten Ort, der als Picknick- und Grill-Fläche genutzt wird. Hier gab es ebenfalls Althergebrachtes: eine Vielfalt an Pflanzen, die für Israel typisch waren; man konnte ihre Früchte essen, sich an ihren Blüten erfreuen und ihren Schatten genießen. Diese Vielfalt ging zwischenzeitlich verloren, wurde aber inzwischen weit gehend wieder hergestellt.

Von hier aus kann man auch „rüber“ sehen, in die „Westbank“. Während des „Oslo-Krieges“ (sog. 2. Intifada) hat es hier Probleme gegeben, weil Jugendliche Steine geworfen haben, die die Häuser und Grundstücke der Israelis trafen. Das gab zwar nur leichte Schäden, aber es war gefährlich für die Gesundheit. Nissan meinte, man hätte Spielerscouts der amerikanischen Baseball-Ligen holen sollen. Wenn die Araber so weit werfen konnten, wären sie für die Clubs interessant gewesen. Und sie wären hier aus dem Verkehr gezogen worden.

Neben dem Hügel liegt ein kleines Einkaufszentrum. Schonmal koscher chinesisch gegessen? Ich jetzt ja! Die Bedienung legte an meinem Platz noch schnell Besteck hin – aber im Gegensatz zu allen anderen Plätzen gab es bei mir keine Stäbchen. So etwas lasse ich mir doch nicht gefallen! Also die Dinger schnell am Nebentisch geklaut und losgelegt. Nissen gegenüber grinste, als er mich damit essen sah: „Ich sehe, du hast Übung.“

Dann war es schon wieder Zeit aufzubrechen. Sharon brauchte das Auto und Nissan wollte mich vorher noch zum Flughafen bringen. Also ein herzliches „Auf Wiedersehen“ an Modi’in“. Was mir noch auffiel: Es war das dritte Mal, dass ich zum Flughafen gebracht wurde (einmal mit dem Bus, einmal mit dem Taxi, jetzt von Nissan) – und nicht ein einziges mal habe ich den Flughafen bei Tageslicht erreicht… Ciao, Nissan!

Die Dunkelheit hatte diesmal allerdings auch eine Überraschung parat: Im Terminal flog eine Eule von einem Fenster zum nächsten und hockte sich jeweils auf die oberste Strebe, um nach einem Ausweg zu suchen. Sie gab keinen Ton von sich, sondern zog einfach still und leise ihre „Runden“. Einige Fluggäste wurden aufmerksam, es wurden Fotos gemacht und irgendwann waren auch einige vom Flughafenpersonal auf sie aufmerksam geworden. Machen konnte keiner etwas, schließlich flog sie fast 10m weiter oben unter der Decke.

Viereinhalb Stunden Zeit bis zum Abflug. Die Empfehlung ist, dass man sich drei Stunden vor Abflug zur ersten Kontrolle anstellt. Dann steht man allerdings bereits eine halbe Ewigkeit, weil viele andere das auch tun. Also habe ich das eine halbe Stunde früher gemacht. Die „Aufseher“ vom Flughafen hatten nichts dagegen (letztes Jahr achteten sie recht genau darauf, dass man nicht zu früh dran war).

In der Schlange wird man erstmals befragt. Freundliche Angestellte in offizieller Kleidung sehen sich den Pass an, fragen, ob man alleine reist, wohin, wie lange man da war, wo man war, ob dir jemand etwas mitgegeben hat oder das vorschlug, ob der Koffer selbst gepackt wurde, wo er seitdem gewesen ist usw. Dazu werden dann die Gepäckstücke und der Pass mit kleinen Aufklebern versehen und am Griff des Gepäcks für den Flugzeugbauch wird ein Klebestreifen angebracht, ähnlich dem, den das Teil beim einchecken bekommt, nur ohne Aufschrift. Hat man hier die Kurve gekriegt, wird alles durchleuchtet. Fällt dabei irgendetwas auf, dann geht’s zur Durchsuchung per Hand. Bei mir natürlich klar, da ich mehrere Ladekabel (zwei Kameras, Handy, mobile Festplatte) im Koffer hatte.

Danach geht’s zum Einchecken. Ich war ja früh dran, also ging das auch recht zügig. In Tel Aviv starten drei TUI-Maschinen fast gleichzeitig – je eine nach Köln, Berlin und München. Und eingecheckt wird an denselben Schaltern. Wer da nicht richtig hinguckt, wartet und hat dann auf einmal noch mehr Leute vor sich als nötig. Wer dann noch Zeit hat, kann vor der Sicherheitsschleuse etwas essen und trinken, Bücher oder CDs kaufen usw.

Die nächste Kontrolle ist enorm gründlich. Organisatorisch haben die Sicherheitsleute allerdings dazu gelernt. Die Fluggäste werden systematischer an die Kontrollen verteilt, damit nicht so lange Warteschlangen entstehen. Nach Abgabe aller sicherheitsrelevanten Gegenstände gab die Schleuse aber noch ein „Ping“ von sich, obwohl ich kein einziges metallenes Teil mehr mit mir führte. „Bitte setzen Sie sich dort hin, wir müssen Ihre Schuhe noch durch das Gerät schicken.“ Gesagt, getan, die Schuhe rollen rein. Dann wird ein Vorgesetzter geholt, der spricht in sein Funksprechgerät, die Schuhe kommen nicht raus, es wird etwas hektisch. Die Schuhe kamen raus, das Problem lag nicht bei ihnen, sondern die Maschine hatte Spirenzchen gemacht. Na, da hatte ich aber Glück. Die junge Kontrolleurin war nicht nur gründlich, sondern auch höflich. Sie wollte unbedingt alles wieder so zusammenpacken, wie sie es bekommen hatte. Und da war die Schonauflage der Tastatur wieder so reinzulegen, dass sie nirgendwo herausragte und nicht von den Verschlüssen durchlöchert wurde, schon fast eine kleine Kunst. Sie hat’s im vierten Anlauf geschafft.

Das war die letzte Kontrolle. Jetzt konnte ich mich in Ruhe hinsetzen und die Jerusalem Post lesen, auch wenn die jetzt fast schon veraltet war, schließlich war bald Mitternacht. Ab 0.20 Uhr sollte eingecheckt werden. Es war zwar noch kein Personal da, aber die ersten stellten sich am Gate schonmal hin. Ich fand’s affig, aber weil ich keine Lust hatte mich nachher durch die ganze Truppe zu meinem Sitz in Reihe 31 durchzukämpfen, stellte ich mich lieber dazu. Die Frau vor mir hatte ein Ticket für die erste Reihe! Wozu die jetzt hier schon stand, ist mir schleierhaft. Die hätte als letzte einsteigen können! Na ja, so ist das halt in Israel… Tschüß! Am liebsten bis schon nächtes Jahr!

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