unterwegs erlebt

15. Juli 2008

Los geht’s

Filed under: Israel 2008 — heplev @ 10:08

Montagmorgen: Nochmal mit dem Auto in die Stadt gedüst, um zwei Flaschen 4711 zu besorgen – Geschenke für liebe Freunde, die ich besuchen werde. Das war dann auch die Gelegenheit das Auto endlich in die Garage zu stellen. Dann nochmal alles durchgesehen, auch wenn’s später klar wurde, dass das keinen Zweck gehabt hatte. Ich kann nicht verreisen, ohne dass ich etwas vergesse. In diesem Fall: Das Buch, das ich eigentlich lesen wollte und das Wörterbuch Deutsch-Hebräisch.

Etwas Wichtiges war jedenfalls noch zu erledigen. Da die Blödmänner (‚tschuldigung, aber ich ist doch wahr…) vom Paulushaus in Jerusalem sich nicht mehr gemeldet hatten, fiel der Aufenthalt im Gästehaus in Tabgha am See Genezareth ins Wasser. Ohne Kontaktinfos keine Buchungsmöglichkeit (die geben weder Telefon noch sonstwas an). Also Alternativen überlegt – am Vormittag vor dem Abflug! Internet, Tel Aviv, Unterkünfte. Einige Angaben zu „hostels“ gefunden und mich spontan für „Momo’s“ entschieden. Eine elektronische Bestätigung des Vermittlungsservice liegt vor. Das Teil liegt an der Ben Yehuda-Straße; ich meine, die würde ich kennen. Mal sehen, was das wird…

Dann geht’s los. Beim Busfahrer löse ich direkt bis „Köln Flughafen“ durch. Wieso ich denn gerade jetzt weg will, wo es hier schön wird, macht er mich an. „Wie ich da die Hitze besser vertrage“, stellt ihn zufrieden. Dann geht’s mit dem Zug weiter.

Im Terminal sehe ich die TUI-Schalter nicht gleich, dafür eilt ein eifriger Flughafenbediensteter herbei (schonmal ungewohnt): Wohin? Da sind die Schalter, aber ich bin doch viel zu früh! Es ist gut dreieinhalb Stunden vor Abflug. Aber beim letzten Mal standen drei Stunden vor Abflug bereits so viele Leute an, dass ich fast eine Stunde für’s Einchecken angestanden hatte. Ach so. Na dann, schönen Urlaub.

Die TUI-Schalter sind „für alle Flüge“ geöffnet. Ich stelle mich an, werde an einen nicht für 0-8-15-Passagiere vorgesehenen Schalter vorgewunken. Tel Aviv? Nein, das ist nicht hier, das sind die Schalter 25 bis 28. Klasse, wieder ans andere Ende, die Schalter sind noch zu. Sowas nennt sich also “für alle Flüge”. Hätte ich mir aber denken können, in Sachen Israel ist ja alles immer etwas anders. Ich setze mich irgendwo hin; um mich herum tönt es auf Russisch – neben den Schaltern für Tel Aviv geht es irgendwo ins Russische. 3 Stunden und 10 Minuten vor Abflug stehen dann die ersten Leute (so um die 8 Personen/Gruppen) an den noch nicht geöffneten Schalter an! Sobald dort die Monitore angehen, stelle ich mich dazu. Das dauerte dann ca. 20 Minuten, bis ich dran kam: 19,8 kg im Koffer, das war knapp!

Noch besser war’s dann später beim Übergang in den Sicherheitsbereich. Da sollte ich meinen Rucksack (das Handgepäck) auf eine Waage stellen. Was ganz Neues – bisher musste ich sowas noch nie. Die Damen kamen aus dem Staunen nicht heraus und äußerten das lautstark: Genau 8 kg, nicht ein Gramm hätte es mehr sein dürfen!

Fluggäste nach Israel werden immer mehrfach kontrolliert. So auch diesmal wieder: Vor dem Gate wieder Laptop aus dem Rucksack holen, alles durchlaufen lassen und zusätzlich Gürtel öffnen (vielleicht sollte ich doch wieder zunehmen, die Hose rutscht derart!) und die Schuhsohlen zeigen. Zum Glück habe ich keine Metallsachen an den Schuhen, sonst hätte ich sie ausziehen müssen – na ja, beim Rückflug wird’s intensiver.

Im Flieger sitze ich ganz gerne weit hinten. Nicht nur, weil das statistisch sicherer sein soll, sondern auch, weil da wenig Leute hin wollen. Oft hat man dann einen leeren Nebensitz. So kommt’s auch diesmal. Am Fenster lässt sich ein Lehrer der internationalen Schule Köln nieder, der Platz zwischen uns bleibt frei. Wir können zwischendurch schön miteinander plaudern. So lasse ich mir das Fliegen gefallen!

Der Flug war ereignislos. Zwei kleine Jungs konnten den kleinen Bildschirm ein Stück vor sich nicht richtig sehen. Sie stellten sich auf die Sitze, dann gings.

Ansonsten waren die Anzeigedaten genauso bekloppt wie letztes Jahr. Diesmal habe ich aber gefragt, wieso die bei “Zeit am Ankunftsort” zwei Stunden hinter der “Zeit am Abflugort” hinterher hingen. Konkret heißt das: Während es in Köln 22.30 Uhr ist, zeigen sie für Tel Aviv 20.30 Uhr an; dabei ist es dort 23.30 Uhr! Der Flugbegleiter erklärt, dass für den Ankunftsort ZULU-Zeit angegeben wird, warum auch immer. Dass das aber nur für den Ankunftsort gilt, ist unerklärlich. Und dass man dafür nicht die Ortszeit nimmt, noch mehr. Das gibt auch der Flugbegleiter zu.

Welcome to Israel

Filed under: Israel 2008 — heplev @ 10:07
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Ankunft noch GANZ kurz vor Mitternacht (Ortszeit). Bis wir den Flieger verlassen haben, ist es aber deutlich nach Mitternacht. Dann heißt es Anstehen vor den Einreise-Schaltern. Dem Kollegen noch ein “schöne Ferien” zugerufen und dann war Geduld gefragt. Wie im letzten Jahr hatte ich mich natürlich an der langsamsten Schlange angestellt. Dafür gab es diesmal eine freudigere Begegnung mit der strengen Dame hinter dem Glas.

Die sah sich meinen Pass gründlich an und die erste Frage war natürlich, was ich in Israel wolle. “Tourismus und Freunde treffen.” Wo? “Modi’in, Be’er Sheva, Jerusalem.” Hm, nicht die ganze Wahrheit, das Wochenende soll ja in Tel Aviv stattfinden. Egal. Sie wieder: ‘Names?” Ich sage sie ihr. Sie dann wieder: “Das ist aber nicht der erste Besuch in Israel?” Nein, der dritte. Ein großes Lächeln strahlt mich an: “Na, dann einen schönen Aufenthalt.” Was für ein Unterschied zu der Trockenpflaume vom letzten Jahr!

Die Willkommen gingen aber noch weiter. Meinen Koffer zu finden war leichter als dann draußen meinen lieben Nissan. Der Typ war nicht zu sehen. Ich klapperte alle Leute ab, die da rumstanden. Telefonieren ging noch nicht, das Handy gab nur eine hebräische Ansage ab und musste vermutlich erst einmal aufgeladen werden. Auf einmal eine leise Stimme neben mir: “Hallo.” Drecksack, hatte der Kerl sich doch den Bart wieder abrasiert und mich nicht informiert! Ohne die Haare im Gesicht kannte ich ihn doch gar nicht!

Na gut, erstmal einen ‘”bear hug” und dann ab zum Parkplatz. Boa, haute mich die dicke Luft draußen um! So schwül, dass man sie schneiden konnte! Gut, dass es Klimaanlagen auch in Autos gibt. Auf diese Weise war die Fahrt nach Modi’in erträglich.
Das ist interessant; wir hätten eigentlich über alles mögliche sprechen können, aber es kam unweigerlich auf Kinder und Schule, Vergleiche zwischen den Systemen, die Eigenheiten einer zweisprachig lebenden Familie und was dabei bei den Kindern für Erstaunlichkeiten feststellbar sind.

Zuhause angekommen, noch schnell ein Glas Wasser und dann ab in die Falle – immerhin ist es fast schon 2 Uhr nachts. Und Nissan muss am nächsten Morgen ab 7 Uhr am Computer hängen. Seine Familie träumt schon längst. Gut, dass die nicht auch aufgeblieben sind…

Angekommen

Filed under: Israel 2008 — heplev @ 10:06

Wie erwartet war die Nacht mehr als kurz – die erste Nacht weg von Zuhause ist immer grausig. Neue Geräusche lassen mich nicht schlafen, außerdem ist alles ungewohnt. Erst, wenn ich gewohnt bin Ungewohntes zu haben, kann ich wieder ordentlich schlafen. Wenn ich das allerdings meinen Gastgebern erzählen würde, kämen die auf den Gedanken, es liege an ihnen. Also lasse ich es.

Die Familie war auf, aber nicht vollständig anwesend. Sie wollten, dass ich ein schönes Frühstück habe, also war Sharon einkaufen. Nissan machte mir einen Kaffee. Amerikanisch oder israelisch?, wollte ich wissen. Amerikanisch wäre die Plörre, die ich auch selbst fabriziere; israelisch bedeutet reichlich stark, man muss oft befürchten, dass der Löffel drin stecken bleibt. Nissan liebt israelischen Kaffee. Dafür bekomme ich viel Milch und Zucker rein und so war er für mich auch nicht nur genießbar, sondern lecker.

Das anschließende Frühstück war ebenfalls israelisch: Weichkäse, Hüttenkäse, Oliven, Brot, Ei, usw. Man sollte kaum glauben, dass die aus den USA stammen.

Nach dem Frühstück fahndeten wir im Internet nach Möglichkeiten, wie ich nach Latrun kommen kann. Eine halbe Stunde Suche ergeben – nichts. Dafür kann man von Latrun aus prima mit dem Bus nach Be’er Sheva fahren. Also entschied Sharon, dass sie mich nach Latrun bringt. Ich ging davon aus, dass ich meinen Koffer bestimmt irgendwo unterstellen könnte, während ich das Museum des Panzerkorps besichtige. Vorher müssten wir nur noch sehen, dass mein Handy eine Spritze bekommt, damit ich wieder telefonieren kann.

Nach einem herzlichen Abschied von Nissan, der weiter seine Nachrichtenschicht fahren musste, machten wir uns auf den Weg. Sharon kennt da einen Cellcom-Laden. Die Fahrt dauerte ca. 15 Minuten und endete mit einer Enttäuschung: Der Laden macht erst um 11.30 Uhr auf (jetzt war es ca. Viertel vor 10). Noch eine Idee: In Modi’in hat ein neues Einkaufszentrum aufgemach. Da könnte es etwas geben. Schließlich soll das Aufladen des Guthabens eigentlich überall gehen, wo mit Handys gehandelt wird. Wir fuhren eine ganze Strecke zurück und dann ging’s in die Tiefgarage. Dazu musste der Kofferraum geöffnet werden und der Wachmann schaute sich auch meinen Koffer genauer an.

Die neue Mall sieht auch so aus: neu. Noch längst nicht alles fertig, aber schon mächtig Betrieb. Und einen der Verkaufsinseln ist tatsächlich mit Handys und Zubehör bestückt. Normalerweise könnte man hier auch aufladen, nur ist der Computer abgestürzt. Ging also nicht, in ein paar Stunden wieder. Die haben wir aber nicht. Also mache ich das erst in Be’er Sheva. Ist eigentlich auch nicht schlimm.

Auf dem Weg nach Latrun erzählte mir Sharon weiteres über Modi’in. Sie wohnen schon eine ganze Weile hier. Aber weil es eine Stadt ist, die vor dem ersten Spatenstich bereits geplant war und auch heute noch permanent weiter gebaut wird, ist die Luft nicht unbedingt die beste. Dazu kommt oft der Westwind, der die dreckige Luft von Tel Aviv hier herüber drückt. Das macht ihr eigentlich etwas Sorgen, weil man nicht weiß, welche langfristigen Auswirkungen das auf die Gesundheit hat.

Am Museum in Latrun fuhr sie mich nicht nur direkt vor die Tür (und parkte im Parkverbot), sondern kam auch noch mit rein und erledigte das Reden für mich. Die Soldatinnen links im Büdchen verwiesen uns an den Souvenirladen (der auch den Eintritt kassiert) und dort war’s dann kein Problem. Ein kurzer Abschied, dann war Sharon weg und ich konnte losziehen.

Um an die ehemalige “Festung” zu kommen, muss man erst einmal weiter den Berg rauf. Da selbst jetzt (noch keine halb 11) die Sonne schon reichlich brannte, gar nicht so angenehm. Aber sooo weit war’s ja nun auch nicht. Am Ende des Aufgangs begrüßten mich dann schon einige im Halbkreis aufgestellte Exponate. Die wollte ich jetzt nicht abklappern, so doll kenne ich mich mit den Dingern ja nun auch nicht aus. Außerdem reizte das Gebäude – daneben gab’s Schatten, oben auf dem Dach eine Aussichtsplattform. Auf die wollte ich dann mal zuerst.

Keiner sonst da, außer einem Wehrpflichtigen in voller Montur. Nachdem ich einen Moment in die Gegend geschaut und ein Foto gemacht hatte, sprach er mich an. Auf mein etwas fragendes Gesicht hin wechselte er ins Englisch. Ob ich alleine da sei, woher ich komme, ob ich gerne ein paar Erklärungen hätte. Na, das lässt man sich doch nicht entgehen.

Er war einer von neun Soldaten, die ständig über das Gelände patrouillieren. Dann war die Umgebung dran: in welcher Richtung welche bekannteren Orte und Regionen liegen, dass die Radarstation nicht militärischen Zwecken dient, sondern der Erforschung der Zugvögel und ihrer Flugwege und dass da unten alle vier Modelle der israelischen Kampfpanzer Merkava stehen, die nach einer ganz anderen Philosophie als die übrigen Kampfpanzer der Welt gebaut werden. Er sagt zuerst, dass es die besten Kampfpanzer der Welt sind, wir können uns aber darüber einigen, dass es zumindest die sichersten sind – die Amis finden ihren Abrams-Panzer viel besser und die Briten… Kein Zweifel dürfte allerdings bestehen, dass keiner seine Soldaten besser schützt als der Merkava.

Was mich allerdings noch interessiert und was mal der Nachforschung wert ist: Wieso steht hier ein Leopard? Und wieso hat der als einziger eine ausschließlich hebräische Beschreibung?

Nach etwas eineinhalb Stunden – einschließlich einer kleinen Rast an einem überdachten #Wasserspender, wo ich die von Sharon gespendeten Früchte aß – war ich durch. Im Laden noch eine Mütze gekauft und den Koffer abgeholt, dann trollerte ich zur Bushaltestelle. Wann der nächste Bus kam, schaute ich mir leider auf dem ausgedruckten Plan erst jetzt an: in fast eindreiviertel Stunden! Was macht man so lange? Ja, was wohl, nach einer fast durchgewachten Nacht? Man macht es sich so bequem wie möglich und versucht eine Runde zu pennen! Hat auch fast funktioniert. An richtigen Schlaf war zwar kaum zu denken angesichts des kräftigen Verkehrs (besonders die LKWs machten einen Höllenlärm), aber “ruhen” war drin und als der Bus eintraf, war ich wieder auf und wohlgelaunt.

Ein schöner Zug an den israelischen Überlandbussen: Wenn da einer mit Gepäck steht, dann machen die Fahrer schon beim Anhalten die Kofferraumklappen auf. Man braucht das Zeug nicht mit reinzuschleppen. Und so ging die Fahrt weiter, halb schlafend, denn den verpassten Schlaf hatte ich noch nicht ausgleichen können.

Anders natürlich bei den Linienbussen in der Stadt. Aber die Fahrt bis Beit Yatziv ist kurz. Angemeldet, Zimmer in Beschlag genommen, wieder raus und zurück zum Busbahnhof ist relativ zügig erledigt. Und dann gelang auch das mit dem Aufladen des Handys endlich. Jetzt konnte ich Beer7 anrufen und für morgen alles klar machen; ein bisschen Obst und Wasser kaufen und der Tag war fast schon rum. Noch ein bisschen durch die Gegend geschlendert, am Busbahnhof wieder angestellt. Die Einkaufstüte ließ eine junge Frau wohl meinen, ich sei ein Einheimischer. Leider sprach sie kein Englisch, mit der hätte ich mich gerne noch ein wenig mehr unterhalten.

Jetzt war ich wirklich angekommen. Nur leider auch total müde. Also war der Tag früh zu Ende und das Bett rief recht heftig. Ich habe es weidlich genutzt.

Die Wüste lebt Geschichte (1)

Filed under: Israel 2008 — heplev @ 10:06
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Der zweite Tag sollte richtig großes Touri-Programm bieten. Allerdings nicht im üblichen Gruppen-Transport, sondern einfach nur mit Beer7 und ihren Töchtern. Wir kannten uns ja nur per Internet, aber trotzdem war sie begeistert, dass ich da war und hatte die Tour angeboten. Toll!

Mein Glück: Wir konnten nicht direkt früh losdüsen, sondern sie musste erst nochmal “kurz” zur Arbeit. Also war das Ausschlafen gesichtert. Dann ging das Handy: Die Arbeit war erledigt (deutlich schneller als erwartet) und in 20 Minuten sollte ich am Eingang bereit stehen. Frühstück war schon gegessen, so stand den Schandtaten also nichts im Weg. Ich suchte mir an der Straße ein Plätzchen mit so etwas wie Schatten und hockte mich nieder. Immer wieder hupte es und ein Taxifahrer machte sich Hoffnung auf einen Fahrgast. Tat mir aber überhaupt nicht leid.

Durch diese Huperei hätte ich beinahe das Hupen nicht registriert, das dann nicht von einem Taxi kam: Auf der andere Straßenseite hielt ein kleines weißes Auto und der Kopf am Lenkrad hatte Ähnlichkeit mit dem Avatar aus dem Internet. Schnell rüber (ohne anderen Fahrzeugen in die Quere zu kommen) und da stieg sie selbst schon aus und begrüßte mich mit einer netten Umarmung. Nach dreimal telefonieren kannten wir uns gut genug, um sicher zu sein, dass wir uns gut verstehen würden – jedenfalls von meiner Seite aus; aber die liebe Begrüßung ging von ihr aus, also sah sie das auch so. Rein in den Wagen und ab zu ihr nach Hause, mit einigen Erklärungen über die Geschichte der Stadt und wie sie ihre Stadtteile erhielt und diese benannt wurden. Spannend.

Bei Beer7 Zuhause waren die Kinder noch nicht ganz fertig, ihr Frühstück musste noch weggeräumt werden und der Salat für’s geplante Picknick war erst vorbereitet. Eine kleine Weile, dann konnte es aber losgehen. Im Auto gab es eine Straßenkarte, auf der ich mir ansehen konnte, wie wir fahren würden. Und alles immer wieder mit kurzen Erklärungen, was es mit der Gegend auf sich hatte. So auch mit dem Ort, an dem wir das erste Mal anhielten und Trümmer guckten: Yeroham.

Das heutige Yeroham hatte einen jungen Bürgermeister, der sehr viel für die Stadt getan hatte. Unter anderem hatte er auch einen See anlegen lassen, der jetzt zur Erholung dienst und einen richtig kräftigen Flecken Grün in die Wüste geknallt hat. Leider wurde er, weil er vom Likud war, wieder abgewählt. Der neue/alte Bürgermeister mit seiner korrupten Art ließ vieles wieder vor die Hunde gehen. Inzwischen ist er abgesetzt und an seine Stelle hat die Arbeitspartei ihren gescheiterten Regierungschef-Kandidaten Mitzna gewählt.

Aber Yeroham ist auch geschichtlich nicht ganz unbedeutend. Bis ungefähr hier ging das biblische Königreich Israel, weiter südlich saßen die Nabatäer. Da eine Grenze gesichert werden muss, hatten die israelitischen Könige hier eine kleine Grenzgarnison eingerichtet, deren Reste man heute besichtigen kann.

Die Große wollte nicht und blieb lieber im Auto. Die Kleinere lief begeistert mit und hatte schnell etwas entdeckt. Hier hatte jemand “4. Klasse” mit Steinen gelegt – offenbar auf einem Klassenausflug. Das konnte sie nicht auf sich sitzen lassen und hinterließ ihren eigenen Gruß an Nachfolgende. Vielleicht macht man ja so auch irgendwann mal Geschichte.

Die Weiterfahrt fing interessant an: Auf der nächsten Kuppe stand ein Warnschild, das darauf hinwies, dass wir uns in einem Gebiet befanden, das auch vom Militär intensiv genutzt wird. Die Straße zu verlassen könnte etwas gefährlich sein, weil auf beiden Seiten scharf geschossen wird:

Die Wüste lebt Geschichte (2)

Filed under: Israel 2008 — heplev @ 10:05
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Unser eigentliches Ziel war ein weniger altes: David Ben Gurions “Hütte”, wie Beer7 etwas vermeintlich abschätzig mal geschrieben hatte, im Kibbutz Sde Boker. Für mich klingt das immer ein bisschen so, wie wenn einer “Onkel Toms Hütte” sagt. Allerdings stellte sich später heraus, dass “Hütte” soooo falsch gar nicht mal ist. Gut, es ist ein Haus, allerdings kein großes.

Der Kibbutz macht natürlich “Kasse” mit dem berühmten ehemaligen Einwohner. Allerdings sollen die Bewohner auch trotz des Brimboriums ihre Privatsphäre behalten. Und so ist von einem Parkplatz aus ein Rundgang angelegt worden, der die Besucher entsprechend leitet. Der Weg ist ausgestattet mit einer ganzen Reihe von Zitaten Ben Gurions, die mir einen Aspekt zeigten, den ich nicht gekannt hatte: Er scheint regelrecht besessen davon gewesen zu sein, dass Israel den Negev in Händen halten muss. Hier hat er die Zukunft des Landes verortet.

Das erste Haus, in dem man dann nicht fotografieren darf, ist allerdings nicht Ben Gurions Wohnstatt, sondern eine Ausstellung in einem gleichartigen Haus, die sein Leben beschreibt; vor allem sein Leben als Premierminister und Negev-Advokat. Bilder und Texte dominieren. Am Ende gibt es einen interaktiven Bildschirm – das war natürlich eine Stelle, die Tochter 1 wie Tochter 2 besonders entgegen kam.

Vom Ausgang aus diesem Bau kommt man nach ein paar Schritten an sein Wohnhaus (hier ist das Fotografieren ohne Blitz erlaubt). Alles befindet sich natürlich noch im Orignalzustand (Beweisfoto in s/w befand sich vor dem Schreibtisch). Nachdem Tochter 1 schon in der Ausstellung interessiert war, blühte sie hier richtig auf. Neugierig schaute sie sich alle Einzelheiten an und sprach mit ihre Mutter und einer anwesenden Dame vom Kibbutz ausführlich über alles Mögliche, was Israels großen Mann betraf.

Hinter dem Haus gibt es einen Sandkasten, in dem Kinder ein wenig Reise durch Israel spielen können. Macht Laune, wenn sie vorher die Erwachsenen-Sachen über sich ergehen lassen mussten. Interessant ist, dass hier der Bunker des Kibbutz war. Ben Gurion wollte keine Privilegien und schon gar keinen eigenen Bunker; da haben die Kibbutzniks ihren Gemeinschaftsbunker halt neben seinem Haus gebaut.

Der Weg führte zurück an den Eingang des Ausstellungshauses – und den gegenüber liegenden Souvenirladen. Klar, da musste gesucht werden – aber nicht nur ich, auch Beer7 brachte Mitbringsel für die Reise nach Europa. Wir haben alle zufriedenstellende Einkäufe getätigt.

Eine kurze Fahrt auf die andere Seite der Fernstraße und wir hatten unseren Picknik-Platz erreicht. Die Familie picknickt hier traditionell an Purim; diesmal war es bescheidener, wir haben z.B. nicht gegrillt (das hätte ich dann übernehmen müssen, in Israel ist Grillen ausschließlich Männersache und Abba7 war nicht dabei). Egal, es hat riesig geschmeckt, auch wenn ich bei der Hitze nicht viel essen kann (hilft das hohe Gewicht zu bekämpfen – irgendeinen Vorteil müssen die Temperaturen ja haben).

Nach ausgiebigem Mahl und etwas Entspannung ging es dann weiter, zum Grab des Ehepaares Ben Gurion. Das ist heute natürlich so etwas wie eine Art Wallfahrtsort. Den Weg vom Parkplatz zu den Gräbern ist durchgestylt. Am Rande graste eine Herde Ibexe. Wenn man die Gräber erreicht, kann man noch ein paar Schritte weiter gehen und hat einen grandiosen Blick ins Tal; es sieht fast ein wenig aus wie ein Mini-Grand Canyon! Nur fehlt unten das Wasser, zur Zeit ist das Flussbett trocken. Da hat der alte Mann sich (und vorher schon seiner Frau) einen schönen Ort für die “ewige Ruhe” ausgesucht.

Die Hitze und die Uhrzeit laden eigentlich zum Dösen ein. Tochter1 hatte auch entsprechende Anwandlungen, während Tochter2 quietschfidel durch die Gegend turnte. Aber wir wollten ja noch nach weiter. Außerdem kam gerade ein Riesentrupp Amis an und betrieb “shade hopping” mit Geschichtsunterricht. Da war nichts mehr mit ungestört im Schatten herumlungern. Also machten wir uns auf dem “unteren” Weg entlang des Berghangs zurück zum Auto. Das stand die ganze Zeit mehr oder weniger im Schatten – und hat eine Klimaanlage!

Die Wüste lebt Geschichte (3)

Filed under: Israel 2008 — heplev @ 10:04
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Nach der jüngeren Geschichte kam jetzt die zweite Runde Trümmer sichten. Beim Stichwort “Avdat” hatte ich Bilder von Wasser und Bäumen in der Wüste im Kopf. Tja, so kann man sich vertun. Beer7 hatte die frühere Nabatäerstadt angesteuert, die hoch oben auf einem Berg liegt. Was mir vorgeschwebt war, war die Oase En Avdat, die weit unten im Wadi liegt. Aber zu dieser Jahreszeit soll das alles andere als attraktiv sein, weil kaum Wasser da ist. Also Geschichte pur und die Sonne machen lassen.

Bevor es den Berg hinauf ging, sahen wir uns im Besucherzentrum einen Film über die Nabatäer an. Außerdem bekamen die Töchter ein Eis und ich ging mir zwei T-Shirts kaufen (T-Shirts müssen immer wieder sein). Danach quälte das Auto sich die Straße den Berg hinauf, bis wir einen Parkplatz mitten in der Sonne erreichten. Kein Schatten weit und breit. Jetzt zeigten uns die Kinder, wie shade hopping funktioniert. Sie sind noch kurz genug, um den spärlichen Schattenwurf verfallener Mauern effektiv zu nutzen.

Der Fußweg durch die Trümmer war ganz schön lang, bis wir tatsächlich richtig oben anlangten. Hier fanden sich nicht nur Nabatäer-Ruinen, sondern die Stadt war auch lange noch von Christen bewohnt, die dann irgendwann den Ort aufgaben, weil er doch zu unsicher geworden war. Durch sie befinden sich hier oben aber noch die Reste von Kirchen. Während die Kinder dann doch langsam der Erschöpfung anheim fielen und einen Pause einlegten, schlurften Beer7 und ich diese Mauern auch noch ab. Als wir wieder zum großen Platz mit der ehemaligen Zisterne zurückkamen, hatten die Töchter sich doch noch ganz aktiv herumgetrieben und nötigten Mama noch auf einen Turm. Danach ging’s wieder zurück zum Auto. Die Klimaanlage war jetzt wirklich ein großer Segen!

Trauer und Wut

Filed under: Israel 2008 — heplev @ 10:04
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Da ist man vor Ort, aber weil man die Sprache nicht spricht (und liest schon mal gar nicht), ist man doch nicht so informiert wie sonst (Internet-Zugang war bisher nicht). Also kaufte ich mir heute eine Jerusalem Post, um ein wenig von der Welt mitzukriegen – und der halbe erste Teil beschäftigt sich ausschließlich mit einem Jerusalemer Araber, der gestern einfach mal mit einem großen Radlader aus einer Baustelle fuhr, Autos überrollte und zwei Busse umwarf. Bilanz: drei Tote, 55 Verletzte. Der Terror-Fahrer erschossen von Kugeln, die ihm ein Soldat auf Ausgaung und ein Polizist verpassten.

Damit war der Tag für mich gelaufen. Er hatte schon nicht toll angefangen: Der Besuch des Abraham-Brunnens (der laut Beer7 ohnehin nicht lohnt), fiel ins Wasser, weil um halb zehn noch zu war. Auf der verfallenden Infotafel war auch nicht abzulesen, wann aufgemacht wurde. Okay, zu Fuß weiter zum Bahnhof, mal sehen, wie die Züge fahren. Am Busbahnhof die Jerusalem Post gekauft und die Hauptschlagzeile gelesen. Später an einer Mall hingesetzt, etwas getrunken und angefangen zu lesen. Wut und Tränen konnte ich kaum unterdrücken. Also machte ich mich wieder auf, kaufte noch etwas Getränke und Obst ein und fuhr zurück nach Beit Yatziv. Da saß ich dann und las das ganze Elend durch – und schrieb mir diesen Text von der Seele, dazu zwei Übersetzungen aus dem Kommentarbereich der Zeitung.

Die eine Tote ist eine Blindenlehrerin Mitte 50 mit drei (erwachsenen) Kindern, die gerade eine schwere Krankheit hinter sich gebracht hatte. Die zweite eine Kindergärtnerin, 33 Jahre alt, die Jahre lang versuchte ein Kind zu bekommen, vor 6 Monaten nach intensiver Hormonbehandlung endlich entbinden konnte. Ein ZAKA-Mitarbeiter schaffte es gerade noch, das Baby aus dem Kombi der Frau zu holen (sie scheint dabei geholfen zu haben), bevor der Radlader den Wagen mitsamt der Frau einfach platt machte. Der dritte Tote ist ein älterer Herr, dessen Identität bei Redaktionsschluss noch nicht frei gegeben war.

Und während ich so die ganzen furchtbaren Sachen durchlese und dann in die Kommentare und Analysen übergehe, kommen mir die Tränen – Tränen der Trauer und Tränen der Wut. Dieser Typ, der da willentlich (als Einwohner „Ostjerusalems“ mit dem israelischen Pass in der Hand) gezielt Schäden anrichten, Juden Schaden zufügen und sie ermorden wollte, wird „natürlich“ seitens seiner Familie als toller Hecht beschrieben, der nie jemandem etwas zuleide tun könnte und schon gar nichts gegen Juden hatte; Beweis: Er sei lange mit einer Jüdin zusammen gewesen. Bull… Das wäre eher ein Auslöser für Judenfeindschaft, weil der Idiot es nicht verkraftet hat, dass die Frau sich von ihm getrennt hat.
Abgesehen davon war der Typ ein Krimineller mit einer Drogen- und Gewaltakte bei der Polizei. Gerade die Drogendelikte wären ein schöner Hebel für die Terroristen, den Typ unter Druck zu setzen, wie er denn sterben wolle – durch die Hand der islamistischen Gerechtigkeit oder als Schahid?

Wie auch immer, es bleibt die Tatsache, dass der Kerl in seiner Kabine „Allahu akbar“ krakeelte und Gas gab, als der Soldat außer Dienst erfolglos auf ihn einzudreschen versuchte. Erst daraufhin zog der junge Mann die Waffe eines anderen Mannes und schoss dem Terroristen in den Kopf. Gleichzeitig stieg ein zum Ort bestellter Polizist von der anderen Seite auf das Baugerät und da die Schüsse den Mörder noch nicht ganz ausgeschaltet hatten, schoss auch er. Das Dreckstück ist tot.

Jetzt findet hier die gesamte leidige Diskussion wieder statt, die in er veröffentlichten Meinung und in der Politik bereits nach dem Massaker in der Merkaz Harav-Yeschiwa im Frühjahr losgetreten wurde und wieder „einschlief“: Was kann man gegen solche Typen machen? Wie kann man sie abschrecken? Sollte man das Haus der Familie des Mörders schleifen? In der Knesset wurde in erster Lesung ein Gesetzesvorschlag befürwortet, da solchen Leuten den israelischen Personalausweis wieder entzieht bzw. die israelische Staatsbürgerschaft wieder aberkennt (das wird die nächsten Lesungen vermutlich nicht überstehen – er wurde von einem Likud-Abgeordneten vorgelegt und die übrigen Parteien stimmten unter dem Einfluss des gerade Gehörten zu). Es wird geprüft, ob der Familie die Sozialleistungen des israelischen Staates aberkannt werden können.

Und natürlich findet eine Diskussion statt, was mit den gut 250.000 arabischen Einwohnern des vereinten Jerusalem gemacht werden soll. Immerhin ist das der „weiche Bauch“ – nirgendwo sonst können Terroristen rekrutiert werden und losschlagen, ohne dass die Sicherheitsdienste im Vorfeld etwas erfahren oder den Terroristen am Betreten israelischen Staatsgebiets hindern könnten: Er ist schon da, hat einen israelischen Ausweis und kann sogar ungehindert in die „Westbank“ und wieder heraus. Prinzipiell sollen die Jerusalemer Araber nicht diskriminiert, sondern wie ganz normale israelische Staatsbürger behandelt werden.

Die sehen das natürlich anders. Zumindest „offizielle Stimmen“ geben auch an diesem Mehrfachmord wieder Israel und Jerusalems Stadtverwaltung und politischer Spitze die Schuld: Wahrscheinlich sei der nur ausgerastet, weil ultraorthodoxe Jugendliche ihn vorher geärgert hätten. Es wird von „Druck“ auf die Araber im allgemeinen und die des Viertels, aus dem der Mörder stammt, im besonderen geredet. Es bestehe Ärger wegen des Abrisses illegal gebauter Häuser (komisch, den gibt’s immer dann, wenn israelische Behörden abreißen – die PA geht da frei aus…) und die Steuern seien auch furchtbar. Das alles sorge für böses Blut. (Hm, die Juden sollen Steuern zahlen und damit die Araber finanzieren – oder so?)

Was natürlich überhaupt nicht fehlen darf: Jetzt wird Israel noch mehr Druck auf die Araber ausüben und es wird alles noch schlimmer gemacht werden. Und außerdem hat Israel 40.000 Anträge auf die israelische Staatsbürgerschaft noch nicht positiv beantwortet.

Na, das sind alles Gründe, damit man Massenmord an Juden begeht! Klasse! Die leider typsche arabisch-muslimische Reaktion: Ihr habt zwar die Toten und einer von uns war’s, aber wir sind die Opfer!

Es gibt zwei Texte, die den Anschlag von gestern kommentieren, die sich lohnen zu übersetzen. Sie sind inzwischen oben verlinkt.

Und was macht die Welt noch so, in der Berichterstattung der JPost von heute? Noch ein kleiner Nachtrag zum Anschlag: Avi Dichter, Minister für innere Sicherheit, hat sich kräftig blamiert – statt sich zum Ort des Geschehens zu begeben, hat er einen davon völlig unabhängige politische Pressekonferenz gegeben. Jetzt werfen ihm Olmerts Kohorten vor, er habe seinen Job nicht gemacht, sondern Politik gespielt. Umgekehrt wirft Dichter Olmert et.al. vor, sie wollten auf Kosten der Opfer Politik machen und ihm ans Bein pinkeln.
Ofer Dekel, Israels „Chefunterhändler“ in Sachen entführte Soldaten, ist auf dem Weg nach Deutschland, um Gerhard Konrad zu treffen, der mit der Hisbollah über einen Gefangenenaustausch verhandelt. Hassan Nasrallah schwingt indes wieder sein Großmaul und verkündet „absolute Schlussfolgerungen“ zum Schicksal von Ron Arad, aber natürlich ohne irgendetwas von Substanz von sich zu geben. Die übliche Scheinheiligkeit also, bei der nicht fehlen darf, dass die „langen, harten und komplizierten“ Verhandlungen ein „neuer Sieg für den Libanon“ seien (womit er klar macht, dass der Libanon für ihn insgesamt Hisbollah-Land ist – auch nicht schlecht).
Dekel wird innerhalb der nächsten 10 Tage dann noch den nächsten Verhandlungsmarathon aufnehmen dürfen; die Ägypter sagen, er wird mit der Hamas über Gilad Shalit verhandeln.
Die Ägypter haben so ihre eigenen Probleme mit den Gaza-Palästinensern: Die haben versucht den Grenzübergang Rafah zu stürmen, als der geöffnet wurde, damit 150 Palästinenser wieder einreisen und eine Reihe Patienten für medizinische Behandlung nach Ägypten fahren können sollten. Sechs Grenzer trugen Verletzungen davon. Auf diese Weise werden die Hamastanis wohl nicht erreichen, dass es einmal einen normalen Grenzverkehr geben wird.
Dann wollen die Briten den „militärischen Arm der Hisbollah“ verbieten. Na toll! Nicht nur, dass das überfällig ist, aber die sonstige Hisbollah soll nicht verboten werden. Das ist ungefähr so, als hätte an die SS und die SA verboten, aber die HJ, den BDM und das Winterhilfswerk sowie die NSDAP für in Ordnung erklärt. Oder am anderen Ende die KP-Schlägertrupps verboten, aber die Partei selbst wegen ihrer guten Arbeit mit den Jungen Pionieren nicht. Wann begreift man in Europa endlich, dass sich die „humanitären, politischen und sozialen Aktivitäten“ der Terrorgruppe nicht von den „militärischen“ trennen lassen?

Die Universität Göttingen muss weiter schwer beraten, wie sie denn auf die antisemitischen Darstellungen von Arnd Krüger nicht nur zum Olmypia-Massaker von 1972, sondern auch der damit zusammenhängenden Ausfälle des Sportwissenschaftlers reagiert. Zum Treffen derer, die darüber beraten werden, sind keine Antisemitismus-Experten geladen, sondern Vertreter der Fakultäten Jura, Medizin und Landwirtschaft. „Wir Deutschen sind alle Antisemitismus-Experten“, hieß es von Uni-Sprecherin Dr. Marietta Fuhrmann-Koch. Da fragt sich nur, welcher Art? Wenn das so aussieht, wie die Presseerklärung der Universität, in der zwar Rassismus und Antisemitismus verurteilt werden, aber nicht ein einziges Wort zu Krüger gesagt wird, dann spricht das mal wieder Bände – grausige Bände und die Göttinger sollten sich nicht beklagen, wenn ihnen Toleranz der Krüger’schen Theorien vorgeworfen wird. Wenn man liest, was Krüger so von sich gegeben hat, dann kann man ihn nicht anders einstufen, als dass man ihm Antisemitisches vorwirft:
– die (ermordeten) Athleten hätten „den Opferstatus Israels stärken“ und damit dem jüdischen Staat ermöglichen wollen „ihren Tod als Instrument gegen die Palästinenser zu verwenden“ und „finanzielle Entschädigungen von Deutschland zu bekommen“. Außerdem hätte „Israel eine höhere Abtreibungsquote als andere Industriestaaten; der jüdische Staat unternehme alles, um ‚ein Leben mit Behinderungen’ zu verhindern“. Völlig zu recht fragt Ilan Mor von der israelischen Botschaft in Berlin, was Letzteres mit dem Anschlag des „Schwarzen September“ auf die israelischen Sportler zu tun habe und bewertet Krügers Aussagen als „schlimmste Form der Entmenschlichung des Staates Israel“.

Dem ist nichts hinzuzufügen – außer natürlich, dass Arnd Krüger das ganz anders sieht. Er hatte seine Thesen in einem Vortrag „Hebron und München: Wie vermitteln wir Sportgeschichte ohne in Antisemitismus gefangen zu werden?“ (unvollständige Rück-Übersetzung des ins Englische gebrachten Titels) veröffentlicht. Das ist ja toll gelungen, denn der Schwätzer hat genau das gemacht, was er angeblich nicht wollte. Seiner Meinung nach „hoffte er ein kulturhistorisches Phänomen zu erklären, nicht weil ich irgendjemanden damit diskreditieren wollte“. Wer soll ihm das abnehmen? Glaubt der Mann das wirklich selbst? Wie auch immer, Ilan Mors Einschätzung dazu kann nicht oft genug herausgestellt werden: Das ist die schlimmste Form der Entmenschlichung des Staates Israel!

(Alle Informationen aus der Printausgabe der Jerusalem Post vom 03.07.2008. S. 1 bis 10)

La Cucaracha und andere Überraschungen und Erkenntnisse

Filed under: Israel 2008 — heplev @ 10:03
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Da hatte ich mich spontan doch noch umentschieden und fuhr mit dem Zug nach Tel Aviv. Das ist bequemer und schöner als mit dem Bus, zumal das Wochenende beginnt und haufenweise Leute schon den Einstieg zur Tortur hätten werden lassen. Im Zug war’s dann richtig bequem. Es saßen zwar viele Wehrpflichtige drin, aber jeder hatte bequem Platz. Dafür war’s ungefähr 70% teurer – aber den Unterschied zwischen weniger als 3 Euro und knappen 5 Euro gibt man da doch gerne aus!

Ist es erwähnenswert, dass das Gepäck beim Betreten des Bahnhofs durchleuchtet wird? Okay, es ist, denn in Tel Aviv wurde es bei der Weiterfahrt Sonntag durchsucht, da gab’s keinen Scanner… Interessant auch, dass die Fahrgäste erstmal warten mussten, bis der Bahnsteig betreten werden durfte – zuerst mussten die anderen alle raus und dann die Putzkolonne/Mülleinsammel-Truppe durch die Waggons düsen.

Unterwegs lernte ich dann noch etwas Interessantes: In diesen „Express“-Zügen gibt es Steckdosen! Mir gegenüber ließ sich ein junger Mann nieder, seinen Laptop auspackte, das Stromkabel nahm und zu meinem Erstaunen hinter mir einsteckte. Praktisch!

In Tel Aviv lerne ich am Bahnhof etwas – das heißt, ich erinnerte mich erst nach dem Ereignis, was das sollte. Als ich vom Bahnsteig auf die Brücke zum Terminal kam, sprach mich ein junger Hutträger mit hellrotem Bart und entsprechender schwarzer Kleidung an und machte mit der linken Hand eine Kreisbewegung um den rechten Unterarm. Ich verstand nicht, was er wollte. Er versuchte es wieder. Ich erklärte ihm, dass ich kein Hebräisch spreche. Da wechselte er ins Englische und fragte, ob ich jüdisch bin. Ich verneinte. Höflich wünschte er mir eine schöne Zeit in Israel. Im Weggehen fiel mir ein, was er wollte: Er hatte mich gefragt, ob ich Gebetsriemen anlegen und beten wollte! Diese Orthodoxen, die sind immer wieder irgendwo und versuchen eine Mitzwe zu tun, die in ihre Art des Denkens passt. Aber es gibt sicherlich nicht genug Juden, die beten…

Dann eine kleine Überraschung: Momo’s Hostel liegt genau um die Ecke von dem Hotel, in dem wir 2004 untergebracht waren! Super, ich kenne mich also ein wenig aus! Und der Strand ist auch nur 5 Minuten zu Fuß weg!

Angekommen bin ich zwar auch durch die Kenntnis des Straßennamens und der Hausnummer (Ben Yehuda-Str. 28), aber auch der Busfahrer, der eigentlich recht kurz angebunden und nicht allzu höflich war, hatte daran gedacht, dass ich ihn darum bat mir zu sagen, wenn wir am El Al-Gebäude ankamen. So brüsk und abweisend er sonst erschien und so rabiat er mit Verkehrsteilnehmern umging, die ihn behinderten oder sich sonst nicht in seinem Sinn an die Verkehrsregeln hielten, so gut hatte er sich – anders als andere, die ich erlebte – an mich erinnert.

Dafür war mein Zimmer eine ziemliche Bruchbude: Die Farbe blätterte von den Wänden, es gab nur einen Ventilator statt Klimaanlage, elektrische Leitungen sahen eher provisorisch verlegt aus, das Bett war so bezogen, dass alles bei Berührung sofort von der Matratze rutschte, die Türen mussten abgeschlossen werden, um zu zu sein, auch die zum Bad – und da schlage ich erst einmal eine riesige Kakerlake tot. Später noch eine. Bis zum Abend (und den Rest des Wochenendes) tauchen keine weiteren mehr auf…

Beim Rundgang in der Umgebung kaufte ich kräftig ein, vor allem Getränke, aber auch etwas zu Essen. Lecker Hühnerfleisch und Pitataschen, dazu etwas Hüttenkäse, eine herrliche Mahlzeit. Und den ersten “Müller froop” meines Lebens aß ich auch hier! Am nächsten Tag war Sabbat, da müsste ich wohl die Restaurants beanspruchen.

In einem Internetcafe erlebte ich dann, wie kurz eine halbe Stunde ist. Gerade mal ein wenig Aufräumen in einem meiner Postfächer war drin. Zurück bei Momo’s ging ich erstmal eine Runde ausruhen, dann um halb neun an den dortigen Computer. Das war zwar etwas billiger pro Zeiteinheit, kam aber eigentlich teurer, weil es nur eine langsame Verbindung war. Eine Stunde reichte gerade, um die Post zu beenden und kurz im Blog nachzusehen, wer da meint trotz meiner Abwesenheit alles meinte kommentieren zu müssen.

Was habe ich heute gesehen und erlebt? Hier in der Umgebung ist alles etwas hui und pfui. An der Strandpromenade kann man die tolle und (teilweise) teure Seite der Stadt sehen, aber wenn man die nächste Straße reingeht, kommen auch Unrat, Bruchbuden und Penner (nicht nur einfach Obdachlose) zum Vorschein. Manche Straße scheint nach dem Motto belebt zu sein: Je weiter weg vom Strand desto proll und heruntergekommen auch die Leute, die da sitzen – und das soll nicht proll im Sinne von Arbeitern sein, sondern von tiefster und schaurigster Unterschicht auch was den Charakter der Leute angeht.

Straßenverkehr: Es ist einfach irre. Die „Hup-Kultur“ von Be’er Sheva hatte einen ganz besonderen Charakter: Da wird gehupt, um andere vom Losfahren abzuhalten, ihnen zu sagen, sie sollen dir nicht in den Weg kommen, sie sollen erfahren, dass sie etwas falsch machen und auch zu allen Gelegenheiten, wo ein Taxifahrer anzeigen will, dass er einen Fahrgast brauchen kann. In Tel Aviv wird auch ungefähr so viel gehupt, allerdings sind das wohl alles Beschwerden, dass jemand etwas macht, das einem anderen nicht gefällt. Insgesamt ist es aber auch egal – Verkehrsregeln werden, wie Beer7 mir erklärt hatte, als Empfehlungen betrachtet, die nicht unbedingt zum Einhalten da sind. Wenn man selbst fährt, die anderen sollten das schon tun…

So, jetzt ist Schluss. 10 vor 11, im TV läuft die Ultimative Chart-Show der Werbehits (in Deutschland ist es erst 10 vor 10), SkyNews hat stundenlang zum 18. Jugenlichen-Messermord in London berichtet, und sonst ist auch nichts Brauchbares, außerdem fallen mir die Augen zu, obwohl ich wohl nicht schlafen kann.

Faul und bequem im Unbehaglichen

Filed under: Israel 2008 — heplev @ 10:02
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“Lazy Day” war angesagt. Die Nacht ganz schlecht geschlafen – besser gesagt, bis so gegen 4 Uhr überhaupt nicht. Dann wieder um halb 6 wach, gegen 7. Sollte ich jetzt mal zum Strand gehen? Zum müde! Wieder eingepennt, dann wurde ich gegen 20 nach 8 wach und duschte.

Das Frühstück war eine “Überraschung”: Eine Tasse Tee und ein Gebäckstück aus der verschweißten Plastiktüte. Hat allerdings geschmeckt und machte satt.

Gegen 9.30 Uhr aus dem Haus. Das nette Mädel vom Hostel hatte zwar gesagt, ich sollte an der Strandpromenade entlang gehen und dort bis zu einem Park, aber ich bin lieber die Ben Yehuda rauf. Am Ben Gurion-Boulevard rechts ab, dann kam als nächste die Dizengov. Die bin ich ziemlich weit runter marschiert. Sie hat mich alles andere als beeindruckt. Vor allem der Dreck war grausig. Vielleicht muss man Wochentags hier sein, damit sie etwas wie Charme bekommt.

Ich wechselte lieber zur Ben Yehuda zurück und ging wieder Richtung Hostel. War weit genug. Kurz vor Ankunft noch in einen am:pm (der hat in Tel Aviv 24 Stunden auf, auch am Sabbat!) und eine Viertel-Wassermelone gekauft. Als ich wieder “Zuhause” war, waren gut zweieinhalb Stunden rum!

Die Melone habe ich mir mit einem geliehenen großen Messer zerstückelt und auf dem Zimmer gegessen. Danach bin ich eingedöst – und so gegen 4 erst wieder wach geworden! Das heißt, wach konnte man das nicht nennen – wenn ich nachmittags schlafe, bin ich hinterher eigentlich zu nichts mehr zu gebrauchen. Mit ein, zwei Sudokus habe ich versucht meine Gehirnzellen in Gang zu bekommen; das hat einigermaßen funktioniert. Jedenfalls war ich gegen Viertel nach fünf wieder unterwegs. Erstmal in das Internetcafe, um festzustellen, dass eine Stunde auch nicht wirklich viel ist. Aber mehr wollte ich auch nicht.

Die Strandpromenade sollte man dann doch mal genauer angesehen haben. An der Straße gibt’s haufenweise Fress- und Trinktempel. Atm Strand plärrte fast ununterbrochen der Lautsprecher der Rettungsschwimmer mit eintönig klingender Durchsage. Wenn man weit genug lief, hörte man den nicht mehr. Irgendwann wurde es uninteressant und ich machte mich auf den Weg zurück zum Ausgangspunkt. Inzwischen war es spät genug, dass man den Sonnenuntergang fotografieren konnte. Die Wolken gaben einen interessanten Abendhimmel ab – leider verhinderten sie aber auch, dass ich eine im Meer versinkende Sonne mitbekam.

An einer der Fressbuden bekam ich ein „Beef Kebab Pita“ für 22 Schekel. War ganz nett, haut aber auch nicht von den Socken. Zurück im Hostel konnte ich ein wenig mit meinen Fotos vom Strand protzen. Aber der Tag war eigentlich gelaufen. Die Fotos noch auf dem Laptop abgespeichert und versucht etwas von der Woche zu schreiben. Aber der Rechner wollte nicht, „fror“ nach ein paar Sätzen ständig ein. Keine Ahnung, was da los war, aber es passierte immer nur beim Schreiben – die Fotos konnte ich ansehen, so lange ich wollte. Wozu hat man so ein Teil, wenn man nicht damit arbeiten kann?

Raus hier! Aber gaaanz langsam!

Filed under: Israel 2008 — heplev @ 10:01
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Das Wochenende ist vorbei! Nicht nur wegen der Bruchbude, bin ich froh. Tel Aviv muss nicht wirklich sein, habe ich festgestellt. Also relativ früh aufgestanden, so zwischen 7 und halb 8, geduscht und an die Bar zum Frühstück. Diesmal war der Besitzer höchstpersönlich hinter’m Tresen: Momo, unrasiert, die Haare hinten oben zu einer Art Mini-”Dutt” festgemacht und einen Zigarettenhalter im Mund. So unlustig wie der kann wohl keiner heißes Wasser, einen Teebeutel und zwei Löffel Zucker in einen Tasse kippen!

Neben mir saß die völlig verpennte Angestellte, die mir über’s Wochenende mit ihrer offenen Art und den Tag etwas netter gemacht hatte. Aua, der ging’s nicht wirklich gut; sie hatte wohl zu lange an der Bar die Gäste versorgt, um jetzt schon wieder fit zu sein. Immerhin konnte sie mir sagen, dass und wo in der Nähe ein Schreibwarenladen war. Damit war der Morgen gerettetn, nachdem die letzten Tage ständig der Laptop aufgegeben hatte, wenn ich etwas schreiben wollte. (In Jerusalem sollte er dann wieder völlig unbeanstandet funktionieren…)

Beim Raustreten auf die Straße fiel mir gegenüber ein Haufen Afrikaner auf, die direkt neben der Bank und dem Geldautomaten standen und saßen. Neugier – aha, da war noch eine Tür und die warteten alle, dass da aufgemacht wird – Tagelöhner auf der Suche nach einer Verdienstmöglichkeit. Und ich stellte fest, dass ich zwar das Portemonnaie, aber nicht die Kreditkarte mit hatte. Gut, also musste ich auf dem Rückweg wieder rein und dann nochmal los. Mit einem Schreibblock und einem neuen T-Shirt “beladen” ging’s wieder in Momo’s rein, mit drei leeren Wasserflaschen und der Kreditkarte nochmal raus.

Auf dem Weg zum Flaschencontainer lag ein winziger Laden, der Judaika und Jerusalem-Angebote hatte. Ich blieb kurz stehen, um mir die Auslagen anzusehen und musste grinsen: Unter den ganzen “normalen” Mezuzen gab es auch zwei, die als “car mezuza” angepriesen wurden. Niedlich! Der Besitzer wienerte gerade eine Scheibe der Auslage, kam ganz heraus geschlurft (ein alter Herr, immerhin) und machte mich darauf aufmerksam, dass alles mit Rabatt verkauft wurde, 50% (im Fenster hing ein Aufkleber “30% discount”). Da musste ich mir die Auto-Dinger mal genauer ansehen. Er holte noch zwei weitere Modelle aus seinem Tresen und meinte, alle vier zusammen könnte ich für 60 Schekel haben (Preis normal: 32 Schekel das Stück). Gut, vier wäre dann nun doch etwas übertrieben, aber zwei für 32 Schekel habe ich mitgenommen.

Frisch mit allem ausgestattet, was ich so brauchte oder auch nicht, musste ich wieder im Momo’s zurück sprachlich aushelfen. Da war ein junger Typ aus Dortmund, der so “richtig gut” drauf war. Er konnte wenig Englisch, versuchte aber trotzdem damit die Mädels anzumachen. Bei einer Amerikanerin kam er nicht weit. Die verzweifelte so langsam daran, dass er nicht begriff, dass dies für sie der letzte Tag in Israel dran war. Nach ein paar Sätzen kehrte “Ruhe” ein. Ich konnte meine Sachen fertig packen und das Zimmer abschließen.

Auf dem Weg nach draußen gab ich dem Dortmunder noch meine überzählige Wasserflasche – damit er mal was anderes trinkt (er hatte einen Rest Cola und eine Flasche Bier). Hoffentlich hat er den Rat beherzigt. Andernfalls wäre halt eine weitere Alkoholleiche irgendwo herumgelegen.

Die Verabschiedung vom Personal war dann noch ganz nett. Die eine fragte mich noch wohin es jetzt ginge und ob ich wisse, wohin ich muss. Klar, Bus Nr. 10, hier rechts an der Haltestelle. Ach, du fährst zum Bahnhof! Der Bus fährt aber schneller nach Jerusalem. – Ist egal, ich mag die Züge. – Ach so, dann gute Reise – und ich bin draußen und stehe an der Haltestelle, über einen halbe Stunde, obwohl die Busse alle 20 Minunten vorbeikommen sollen. So ist das Leben.

Am Bahnhof weiteres Warten. Die Züge nach Jerusalem fahren alle zwei Stunden, der nächste um 10.54 Uhr. Jetzt war es gerade mal 5 nach 10. Das ist eine angenehmen Wartezeit, zumal man auf’m ‘Bahnhof ja auch sitzen kann. Wenn man denn weiß, wo man hin muss. Ich hatte mich darauf verlassen, dass die Anzeigen mir sagen würden, auf welchem der 6 Bahnsteige denn meine Wenigkeit einsteigen müsste. Dummerweise waren die Anzeigen alle auf dem Stand von 9 Uhr. Jetzt, nach dem Passieren der Kontrollen, im Bereich der Bahnsteige jemanden zu finden, der einem verlässliche Informationen geben kann, war ein Glücksspiel. Die Reisenden wussten nichts außer ihrem eigenen Kram; Leute, die wie Berufskleidung Bahnhof wirkten, waren aber nicht von hier, sondern nur Schaffner, die nichts wussten. Schließlich erwischte ich einen, der kaum Englisch konnte und erst einmal begreifen musste, dass ich nicht raus und mit dem Bus, sondern mit dem Zug fahren wollte. Der gestikulierte dann “Platform 4″. Das war dann doch schonmal ein Anhaltspunkt. Aber drauf verlassen mochte ich mich denn doch nicht.

Auf Bahnsteig 4 stand ein Zug, aber für den nach Jerusalem war’s noch viel zu früh. Direkt nebenan, auf Gleis 3, wurden die Züge zum Flughafen angekündigt – auch auf Englisch. Hey, das gab Hoffnung. Die starb aber bald, weil das die einzigen waren, zu denen es englische Ansagen gab. Zum Glück ist das Eisenbahnnetz Israels nicht so groß und man kann dann die Zielorte raushören. So wusste ich zumindest, welche nicht für mich geeignet waren. Dann fuhr einer auf Gleis 4 ein, zu dem es keine verständliche Ansage gab. Also die Leute angehauen: Ist das der Zug nach Jerusalem? Kann schon sein, weiß ich aber nicht. Ein junger Mann kann genug Englisch, um mir zu helfen. Er fragt Leute, die auf die Türen zugehen. Ja, das ist er. Ich sah beim Einsteigen noch einen Schaffner. “Yeruschalayim?” Er nickte.

Der Zug von Be’er Sheva war ja trotz des “Express”-Titels für unsere Verhältnisse langsam. Aber dieser machte jetzt gerade mal so 40 km/h, wenn’s hoch kam. Dafür konnte man sich die Landschaft so richtig gut ansehen. Das wurde vor allem nach Bet Shemesh interessant, als es durch enge Tallandschaften und zeitweise einen Fluss entlang ging. Es war aber auch zum Ärgern, weil die Scheiben derart verdreckt waren, dass man zwar noch durchsehen konnte, aber fotografieren unmöglich war – die Kamera fokussierte immer wieder auf den Dreck an den Scheiben und auch gelungenere Bilder haben die fiesen Streifen derart drauf, dass es zum Heulen ist.

Auf jeden Fall kam der Zug gegen 12.45 Uhr an der Endstation an; die Fahrt war eigentlich sehr angenehm und das Aussteigen fiel schon etwas schwer (der Koffer!). Draußen dann wieder eine positive Überraschung: Obwohl ich klar als Tourist erkennbar war, drückte der Taxifahrer brav sein Taxameter. Es war allerdings auch recht weit bis in die Stadt, stellte ich fest. Aber: Hauptsache angekommen. Jetzt musste ich nur noch zum Lutherischen Gästehaus finden.

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