Das ist definitiv keine gute Zeit den Zug zu nehmen, wenn man in den Negev will. Sonntag ist in Israel der erste Arbeitstag der Woche. Da fahren sämtliche Wehrpflichtige zurück in ihre Stützpunkte. Und eine ganze Reihe davon liegen im Negev. Seit Haifa hatte der Zug Soldaten „aufgesammelt“. Alle Sitzplätze waren belegt, der Boden der Waggons auch weit gehend. Was blieb mir übrig? Es so zu machen wie einige der Soldaten auch. Und da ich eine recht kurze Nacht hinter mir hatte, war es kein Problem sich auf dem Boden auszustrecken (so weit das möglich war) und eine Runde zu schlafen.
In Be’er Sheva stellte ich erst einmal meine Tasche auf dem Bahnsteig ab und ließ die ganzen Uniformen vorbei. Das dauerte!
Draußen ging das Theater dann weiter – und das kann man nicht fotografieren, das müsste man filmen! Die Taxi- und Sherut-Fahrer drängelten sich, die Soldaten fahren zu können. Das Gehupe und Geschrei war schlicht unglaublich. Und dass es keinen Unfall gab, eigentlich genauso. Irgendwann, so nach ungefähr einer Dreiviertelstunde, schaffte ich es selbst ein Taxi zu ergattern. Der ältere Herr stammte ursprünglich aus dem Irak. Er regte sich etwas über die Kollegen auf, die nicht gerade rücksichtsvoll unterwegs waren. Dafür gelangte ich sehr sicher ans Ziel – und war immer noch viel zu früh.
Im Rückblick darauf meinte ich später in Jerusalem einem Freund gegenüber: „Setz’ einen Israeli hinter ein Steuer und du hast einen Anarchisten.“ Worauf er trocken antwortete: „Da tust du den Anarchisten aber Unrecht!“

